Deutschlands Städte sind ohne Wanderungsbewegungen nicht denkbar. Doch die aktuellen Debatten um eine sogenannte "Armutszuwanderung" aus Rumänien und Bulgarien und die Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte stellen Städte und Kommunen vor besondere Herausforderungen. Welche Instrumente zur Integration der Neuzuwanderer werden benötigt? Wobei brauchen die Städte Hilfe?

Vom Leben in der Stadt lautete das Motto der 5. Berliner Stiftungswoche 2014. Aus diesem Anlass baten sechs in der Hauptstadt vertretene Stiftungen zur Diskussion über eine offene und inklusive Gesellschaft in das Allianz Forum am Pariser Platz in Berlin.

Das partizipative Diskussionsformat des "Fish Bowl" ermöglicht es allen Gästen, aktiv und auf Augenhöhe mit den eingeladenen Diskutanten zu sprechen. Vor Beginn und nach dem Ende der Diskussion besteht auf dem "Marktplatz" die Gelegenheit zu Gesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern von Organisationen, die in konkreter Praxis mit Migrantinnen und Migranten arbeiten.

Referenten und Teilnehmende der Diskussion:

  • Professor Dr. Gesine Schwan, Humboldt Viadrina School for Governance
  • Professor Dr. Klaus J. Bade, Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration
  • Ulrike Sommer, Initiative RuhrFutur
  • Reinhold Spaniel, Stadtdirektor und Sozialdezernent Duisburg
  • Dr. Udo Engbring-Romang, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Antiziganismusforschung e.V.
  • Anetta Kahane, Amadeu-Antonio-Stiftung
  • Romeo Franz, Geschäftsführer der Hildegard Lagrenne Stiftung
  • Professor Barbara John, Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Landesverbandes Berlin
  • Moderation Tanja Samrotzki

Die Diskussion wurde aufgezeichnet und wird von den beteiligten Stiftungen als Transkript und Tonmitschnitt zum Download auf dieser Website veröffentlicht. Um den den Verlauf der über 150 Minuten langen Veranstaltung besser nachvollziehen zu können, wurde der Mitschnitt in mehrere Abschnitte unterteilt. Durch Anklicken der "Play"-Pfeile können die Sequenzen über die meisten gängigen Internet-Browser abgespielt werden. Auf den Fotos sind die Hauptredner abgebildet und mit kurzen Zitaten unterlegt. Das vollständige Transkript liegt hier: Transkript Reich durch Einwanderung.pdf

Michael Thoss, Allianz-Kulturstiftung: Sehr geehrte Vertreter des Deutschen Bundestages, des Berliner Senats und anderer deutscher Städte, liebe Kollegen, liebe Gäste aus dem In- und Ausland. Im Namen der Allianz-Kulturstiftung und unserer Projektpartner begrüße ich Sie sehr herzlich hier im Allianz Forum zu der Fishbowl mit dem Titel "Reich durch Einwanderung".

[...] Die Idee zu dieser Veranstaltung entstand als Reaktion auf die öffentliche Stimmungsmache gegen vermeintliche Armutsmigranten und Sozialtouristen, wie man sie in manchen Medien und leider auch in zwei Parteien nannte, und der Zorn war einfach groß, dass man Einwanderer aus Osteuropa, ganz speziell aus Rumänien und Bulgarien, in den letzten Monaten so bezeichnete.

[...] Eine Mehrheit der Deutschen hält die Fragen der Einwanderung für das größte Problem unserer Gesellschaft und das, obwohl 20 Prozent der deutschen Bevölkerung und deren Kinder selbst einen Migrationshintergrund haben. Das ist eine etwas absurde Situation.

Michael Thoss

Grußwort Professor Dr. Gesine Schwan, Humboldt-Viadrina School of Governance: Einen schönen Guten Tag, meine Damen und Herren. Lieber Herr Thoss, herzlichen Dank für Ihre Begrüßung. Es ist ja der Gipfel eines Menschen, der zumindest als Wissenschaftlerin angefangen hat - ob ich es heut noch bin, weiß ich nicht genau - zitiert zu werden, herrlich! Also herzlichen Dank, dass Sie das getan haben und herzlichen Dank für diese Einladung, die mir wirklich viel Freude macht und bei der ich sehr gern sofort zugesagt habe, weil mich Ihr Thema als allgemeines Thema sehr interessiert: Wie finden Menschen zusammen, die zusammen leben wollen und die sehr verschieden sind. Ich spreche hier noch gar nicht von Zuwanderern oder Einwanderern.

[...] Wenn man den Begriff "reich" etwas breiter definieren würde und auch eigentlich ein bisschen intelligenter, dann weiß man, dass zum Reichtum auch geistige, seelische, intellektuelle Nahrung gehört. Das heißt, dass eine Gesellschaft, die materiell sehr reich ist, aber kulturell nichts zu bieten hat, eine armselige Gesellschaft ist, und umgekehrt [...]

Gesine Schwan

Tanja Samrotzki, Moderatorin: Vielen Dank Frau Schwan und Michael Thoss, dass Sie uns auf das Thema eingestimmt haben. Ich darf Ihnen jetzt den Weg durch die nächsten zwei Stunden weisen. Das legitimiert mich, dass ich mich auch kurz vorstelle: Ich heiße Tanja Samrotzki. Ich bin Migrantin wie Sie am Namen hören, in fünfter Generation. Mein Ur-Ur-Großvater war Brennereiknecht in einer Schnapsbrennerei in Polen. Er hat dann sein Glück in Gelsenkirchen gesucht. Ich vermute, das ist ein klassischer Fall von Armutswanderung. Aber dazu kommen wir noch später drauf. Professor Klaus Bade wird uns gleich seine Thesen zur Einwanderung und zu unserer Angst davor erläutern, das diskutieren wir dann in unserer Diskussionsrunde in diesem Fishbowl Format, das ich Ihnen später noch erläutere. Die zweite Halbzeit eröffnet dann Dr. Udo Engbring-Romang mit Anmerkungen zu Antiziganismus. Auch daran wieder diese offene Diskussionsrunde.

Tnja Samrotzki

1. Impulsreferat Professor Dr. Klaus Bade: Ich habe nur 15 Minuten Zeit, deswegen kann ich die versammelten Würden und Würdenträger hier nicht einzeln ansprechen und begrüßen. Ich sage deswegen mit meinem alten Pariser Freund Alfred Grosser: "Cher tous, liebe Alle" und muss mich zunächst beschweren, Gesine Schwan hat natürlich wieder jetzt alles, was wichtig war, gesagt, so dass wir eigentlich schon direkt zur Diskussion übergehen könnten. Zumindest kann man sagen, sie hat den sozialphilosophischen und auch normativen Schirm sozusagen schon einmal aufgespannt. Ich fange noch einmal eher von unten an und hoffe, dass wir am Ende auf der gleichen Ebene wieder landen können.

"Reich durch Einwanderung", hinter dieses Motto kann man meines Erachtens, je nach Perspektive, ein Ausrufezeichen oder aber ein Fragezeichen setzen. Zur Debatte stelle ich in diesem Sinne sieben Thesen.

Klaus Bade

Moderation und Erläuterung des Diskussionsformates



1. Runde Fish-Bowl

Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer:

  • Ulrike Sommer
  • Andre Wilkens
  • Klaus Bade
  • Noemi Kaufmann
  • Gesine Schwan
  • Marianne Ballé Moudoumbou
    u.v.a.



Moderation und Überleitung zum 2. Impulsreferat



2. Impulsreferat Dr. Udo Engbring-Romang: Guten Abend, ich hab gar kein ausgearbeitetes Manuskript dabei, keine Thesen, sondern möchte eigentlich nur fünf Aspekte in die Runde werfen, die vielleicht ja auch dann zur Diskussion anregen. Also ich rede gar nicht über die Einwanderer an sich, ich rede nicht über den Reichtum, den Einwanderer schaffen, sondern ich möchte anregen, darüber zu reden, dass eine Gruppe überhaupt nicht gewollt ist bei denjenigen, die einwandern. Und zwar geht es da um Roma.

Zweitens geht es mir darum, auf etwas hinzuweisen, was eben in der Runde ganz kurz auch schon zur Sprache gekommen ist, nämlich die Macht von Bildern oder als Frage formuliert, wie Vergangenes in der Gegenwart wirken kann oder ob es wirken kann oder noch anders formuliert, wie Zigeunerbilder als Grundlage für Vorurteile und Ressentiments gegen Roma, gegen Sinti in Vergangenheit in Gegenwart und jetzt, ganz speziell bei den Roma und den eingewanderten Roma wirken. Drittens möchte ich zwei Fragen formulieren: Warum gibt es denn überhaupt diesen Antiziganismus und zweitens: Wer hat denn wann Vorteile davon, dass es diesen Antiziganismus gibt?

Udo Engbring-Romang

2. Runde Fish-Bowl

Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer:

  • Anetta Kahane
  • Reinhold Spaniel
  • Udo Engbring-Romang
  • Elizabeta Jonuz
  • Wilhelm Solms
  • Daniel Strauß
    u.v.a.

Anetta Kahane und Reinhold Spaniel

Statement Romeo Franz, Hildegard Lagrenne Stiftung: [...] der Antiziganismus ist eine der stärksten Formen des Rassismus in Europa und er ist die Ursache für die schlechte Situation, die wir haben in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt und dem Zugang zum Gesundheitswesen und das muss der Mehrheitsgesellschaft klar werden: Dass wir uns hier nicht nur fokussieren auf die Sinti und Roma als Opfer, sondern Opfer ist hier auch die Mehrheitsgesellschaft, denn sie hat diesen Defekt. Diesen Defekt des Antiziganismus. Und diesen Defekt müssen wir beheben. Das heißt, eine Arbeit, die von Erfolg gekrönt sein muss, muss auch mit der Mehrheit gemeinsam gemacht werden. Das muss auf kommunaler Ebene passieren, wie auf Länder-, auf Bundes- und europäischer Eben.

Romeo Franz

Abschließendes Statement Professor Barbara John: [...] Das größte Gespenst für viele Deutsche, die christlichen Deutschen, sind natürlich Muslime, ist der Islam. Und hier wird ein Riesenfehler gemacht: Wir meinen, erst müsst ihr eure Religion reformieren, ihr müsst einen demokratiekompatiblen Islam schaffen, eh ihr hier überhaupt richtig integriert werden könnt. Was machen wir da, meine Damen und Herren? Was ist das für ein Blödsinn? Auch konservative Christen und Juden sind doch gute Staatsbürger. Oder sind sie das nicht? Und es ist bei den Muslimen genauso. Wir müssen aufhören, zu fordern, dass sie erst eine neue Theologie machen müssen, um hier anzukommen. Nein, sie müssen etwas viel einfacheres machen: Sie müssen Religion zur Privatsache machen, wir müssen fordern, dass sie Religion und Politik trennen.

Barbara John

Schlussmoderation und Verabschiedung



 

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