spendenmagazin 2013 - page 12

„Grenzenlos-Pass“ auch wirklich bedürftig
ist – und nicht nur ein Geizkragen.
Ins Leben zurückfinden
„Unverschuldet in Not geraten“ sei das
wichtigste Kriterium für eine Einzelhilfe,
erklärt Petra Götze, verantwortliche Redak-
teurin bei der Berliner Morgenpost und An-
sprechpartnerin von „Berliner helfen“, dem
Zeitungshilfswerk der Berliner Morgenpost.
Götze lässt sich von Antragstellern Nach-
weise zeigen, wie den Rentenbescheid. Sie
verhandelt zum Beispiel mit dem Fahrrad-
händler über einen günstigen Preis, weil
ein Kind sich so sehr ein Rad wünscht und
kein Geld dafür da ist.
Viel dramatischer ist der Grund für die
Hilfsbedürftigkeit von Marcel R., nachdem
vier Jugendliche den damals 30-Jährigen im
U-Bahnhof Lichtenberg zusammengeschla-
gen hatten. Er lag drei Wochen im künstli-
chen Koma. Seine linke Hirnhälfte ist bis
heute geschädigt. Die Berliner Morgenpost
sammelte mehr als 60.000 Euro für ihn. Das
Geld unterstützt Marcel dabei, sich in ein er-
trägliches Leben zurückzukämpfen. Auf die
Straße traut sich dieser schwer traumatisier-
te Mensch bis heute nicht allein.
ft ist Hilfe wie ein Tropfen auf
den heißen Stein. Doch manch-
mal wird aus demWenigen für
einen Menschen in einer nahe-
zu ausweglosen Situation etwas ganz Gro-
ßes. Sabrina rettete die Einzelfallhilfe der
„Kindernothilfe Saar e.V.“ das Leben. Beim
Bombenanschlag in Afghanistan hatte das
Mädchen ein Auge verloren, die Augenhöh-
le war schwer entzündet, das Kind trauma-
tisiert. Christa Jochum, Gründerin und Vor-
sitzende des Vereins, nahm Sabrina bei sich
zu Hause auf und sorgte für die Operation.
„Kriegskinder wie sie gäbe es heute nicht
mehr, wenn es uns nicht gegeben hätte“, ist
sich Frau Jochum sicher, die einigen trau-
matisierten Kindern mit Therapien helfen
konnte, die nicht von den Krankenhäusern
übernommen werden.
Sabrinas Beispiel wendet Diskussionen
darüber, dass strukturelle Unterstützung
immer wichtiger sei als die für den Einzel-
fall, ins Gegenteil. Denn manchmal ist es
so, dass die Hilfe, die ein Mensch in einer
schwierigen Situation bekommt, besonders
starke Flügel verleiht. Heute ist Sabrina
16 Jahre alt und eine Art Botschafterin.
Selbstsicher berichtet sie aus Afghanistan,
ist sehr gut in der Schule und will Medi-
O
Einzelfallhilfe:
Das ist möglich
Hilfe für einen statt Strukturwandel für viele?
Oft gibt es gar keine
Alternative. Und manchmal wirkt die Unterstützung eines Einzelfalls
weit über die aktuelle Not hinaus. Drei Beispiele
«
Fotos: Kindernothilfe Saar e.V., „Grenzenlos“
Karen Cop
zin studieren. Ihr deutscher Professor und
Okularist hält eine Praktikumsstelle für sie
bereit. Später will er mit ihr ein Zentrum
in Afghanistan eröffnen – dort haben viele
Menschen Augenprobleme aufgrund von to-
xischem Sand. So wird aus einer Einzelhilfe
ein medizinisches Projekt.
Gelungene Integration
Auch für die Kinder, die das „Kindernest“
von „Grenzenlos“ in Aschaffenburg fördert,
würde es zu lange dauern, auf Veränderun-
gen in der Gesellschaft zu warten. Sie brau-
chen den vom Verein bezahlten Deutschun-
terricht jetzt, damit sie Chancen auf eine
gelungene Integration und eine gute Aus-
bildung haben. Herrn B., einem Familien-
vater aus Kasachstan, half ebenfalls ein
Sprachkurs, um aus dem Teufelskreis der
1,50-Euro-Jobs herauszukommen. Heute ist
er Chef von zwölf Fahrern und Koordina-
toren, die das „Kaufhaus Grenzenlos“ mit
Essen beliefern, für bald 100.000 in Armut
lebende Menschen der Region, die darauf
angewiesen sind. „Und wer nicht mehr
kommen kann, wird beliefert“, verspricht
Grenzenlos-Gründer Harry Kimmich. Eine
Sozialarbeiterin prüft natürlich nach, ob
der Antragsteller von einem sogenannten
Links: Sabrina als kriegsgeschädigtes Kind. Rechts: Sabrina
heute, mit Christa Jochum (links) und ihrer Mutter
Herr B. hat dank der Hilfe von „Grenzenlos“ die Integration ge-
meistert. Rechts: Marcel R. lebt immer noch völlig zurückgezogen
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