spendenmagazin 2013 - page 18

18 | Meinung
s gab, Ethnologen zufolge, im afrikanischen Hochland
ehemals 56 komplexe Verhaltensformen im Umgang mit
einer Naturkatastrophe. Inzwischen gibt es noch zwei:
weglaufen und beten. Da die Menschheit als ganze nicht
weglaufen kann, begibt sie sich in Teilen auf Migrationen, und da
auch ihr Gottesdienst nicht immer verlässlich wirkt, kultiviert sie
säkulare Formen des Betens: demonstrieren, appellieren, Wohltä-
tigkeit zeigen, spenden. Demonstriert wird von unten nach oben,
appelliert von oben nach unten. Die unten fordern: Stopp dem ...!,
Kampf der ...!, Schluss mit ...!, die oben mahnen: Wir dürfen nicht ...,
wir sollten begreifen ..., wir müssen einsehen ...
Was wir einsehen müssen, ist: Das ist Demokratie. Sie bleibt den
langfristigen, ökologischen und humanitären Fragen gegenüber
lieber unverbindlich, bei den kurzfristigen, ökonomischen Fragen
setzt sie dagegen auf größtmögliche Willfährigkeit. Menschenrech-
te und ökologische Notlagen aktivieren nun mal keine Rettungs-
programme wie
Bankenk r i sen .
Oder wie glaubt
man, muss die
Weltlage ausse-
hen, damit auf dem Weg demokratischer Entscheidungen nichts
wichtiger gefunden würde als das Ökologische und das Humani-
täre? Der Kollaps müsste ja zugleich sichtbar und apokalyptisch
sein. Noch ist er offenbar nicht sichtbar genug. Vielmehr hat er
seine Themenkarriere hinter sich, denn Klimaerwärmung und
Massenverelendung, Überbevölkerung und Unterernährung, auch
Dauerkriege und selbst Guantánamo sind nicht aktuell, sondern
daueraktuell, also langweilig, also kein Thema. Entsprechend hat
man sich auch in den wichtigsten Fragen der Menschheit auf vollen-
dete Folgenlosigkeit eingerichtet, auf die rhetorische Erinnerung an
einen humanitären Phantomschmerz, den man aus dem politischen
und dem publizistischen Diskurs weitgehend wegrationalisiert oder
als Äußerungsform von „Gutmenschentum“ diffamiert hat. Oder
wann wäre zuletzt eine menschenrechtliche, eine ökologische, eine
soziale Frage so wichtig genommen worden, dass sie sich geschäfts-
schädigend hätte auswirken dürfen? Würde an solche Grundfragen
mit der Penetranz erinnert, die Fernsehsender auf die Eigenwer-
bung verwenden, der Druck auf die Praxis würde wohl wachsen. In
dieser Kultur, und das heißt auch in den Beziehungen der Menschen
untereinander, hat sich der Wert der Verkäuflichkeit und Käuflich-
keit aber derartig verselbstständigt, dass Menschen schon degra-
diert werden, weil sie nicht am Warenverkehr teilnehmen können
oder wollen. Jede Gesinnung, jedes Phänomen, jede Erscheinung,
jede menschliche Hervorbringung, jede Leistung werden auf die
Eigenschaften ihrer besten Verkäuflichkeit untersucht und noch
weiter abgerichtet.
Unvorstellbar, welche Kultur wir vielleicht hätten, wenn wir nicht jede
Lebensregung auf ihre mögliche Kommerzialität untersuchen, wenn
wir Zugang zur Öffentlichkeit nicht nur Dingen verschaffen würden,
die sich verkaufen lassen, wenn wir versuchen würden, an Problemen
zu arbeiten statt an Bilanzen, wenn, mit einemWort, jede und jeder tä-
ten, was sie gesellschaftlich für wichtig und nicht, was sie für profita-
bel hielten. Bis es so weit ist, bleibt aber wenig mehr, als Bewusstsein
zu wecken und zu vertiefen und zugleich jene Selbstlosigkeit an den
Tag zu legen, die zumindest zur gerechteren Verteilung des Geldes
und zur Linderung akuter Not beiträgt: also zu spenden.
Kein
Thema
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Die Spendenmagazin-Kolumne
von Roger Willemsen
Demokratie bleibt den langfristigen, öko-
logischen und humanitären Fragen gegen-
über lieber unverbindlich
E
Fotos: Anita Affentranger
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