spendenmagazin 2_2013 - page 10

as ist doch kein Leben. Gemeinsam mit Dutzenden Fa-
milien hocken wir hier zusammengepfercht in einem
Rohbau, ohne Strom und ohne Wasser. Selbst wenn die
Raketenangriffe um uns herum aufhörten, wären da
noch immer die Hitze, die surrenden Fliegen über unseren Köpfen
und der unerträgliche Gestank des Abfalls“, zitiert das Internationa-
le Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) einen Bewohner aus Damaskus.
Doch das Leid der kriegsgeplagten Bevölkerung geht weit über deso-
late Lebensumstände hinaus. Die medizinische Infrastruktur steht
vor dem völligen Kollaps. „Schreckliche Verletzungen bleiben unbe-
handelt; Frauen entbinden ohne jegliche medizinische Hilfe; Män-
ner, Frauen und Kinder müssen ohne Betäubung lebensrettende
Operationen über sich ergehen lassen, und Opfer sexueller Gewalt
haben keine Anlaufstelle.“ 55 renommierte Ärzte und medizinische
Fachkräfte aus 25 Ländern, darunter mehrere Nobelpreisträger,
veröffentlichten kürzlich einen offenen Brief in der medizinischen
Fachzeitschrift „The Lancet“. Im Vorfeld der UN-Generalversamm-
lung wollten sie die internationale Politik aufrütteln, den Blick auf
die Menschen richten, deren Leid im Kriegsgetöse und politischen
Ränkespiel der Großmächte unterzugehen droht. „Lasst uns die Pati-
enten behandeln“, ist daher die Forderung der empörten Mediziner.
Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder
Wie wichtig Nothilfe ist, zeigen alarmierende Zahlen: Das UN-Büro
zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten spricht von 6,8
Millionen Syrern, die landesweit auf Hilfe angewiesen sind – etwa
ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Allein vier Millionen von ih-
nen benötigen Nahrungsmittelunterstützung. 4,2 Millionen Syrer
gelten als Vertriebene im eigenen Land. Zwei Millionen Menschen
haben bereits Zuflucht vor der Gewalt in den Nachbarländern ge-
sucht, mehr als die Hälfte davon sind Kinder. Seit Ausbruch des
D
Syrien
Trotz des mit aller Brutalität geführten Kriegs in Syrien geht die unermess-
liche
Not der syrischen Bevölkerung
in den täglichen Nachrichten unter
Dramatische Unterversorgung: Heute gibt es in Aleppo
36 Ärzte – vor dem Krieg waren es noch 5.000
Unsichtbares Leid
Konflikts im März 2011 wurden laut Weltgesundheitsorganisation
(WHO) zudem 100.000 Menschen getötet und mehrere Hunderttau-
send Syrer verwundet.
Verletzte und Kranke aber können nicht unbedingt auf Hilfe hoffen.
So heißt es im jüngsten Bericht des UN-Menschenrechtsrats „As-
sault on Medical Care in Syria“ (dt.: „Angriff auf die medizinische
Versorgung in Syrien“): „Regierungstruppen verweigern systema-
tisch denjenigen medizinische Hilfe, die in Gebieten leben, die von
der Opposition und ihren Verbündeten kontrolliert werden.“ Dies
geschehe durch Angriffe auf Krankenhäuser und medizinisches
Personal sowie durch Einmischung in die Behandlung von Patien-
ten. Ärzte, die unparteiisch Hilfe leisteten, würden verhaftet und
gezielt angegriffen. Der Bericht ergänzt, dass einige Krankenhäu-
ser auch von bewaffneten Gruppen der Opposition attackiert wur-
den. Beide Seiten verstoßen damit
klar gegen internationales Recht.
Die medizinische Versorgung liegt
am Boden
Kein Wunder also, dass viele medizinische Fachkräfte vor der Ge-
walt ins Ausland fliehen. So kommt es, dass in Aleppo heute nur
noch 36 Ärzte tätig sind – im Vergleich zu 5.000 Medizinern vor
Ausbruch des Konflikts. Doch selbst diejenigen, die geblieben sind,
können oft nicht arbeiten. Der WHO zufolge wohnen 70 Prozent
der medizinischen Fachkräfte, die in Damaskus, Aleppo und Homs
arbeiten, in ländlichen Gebieten. Der Zugang zu den Städten ist
ihnen aber oftmals verwehrt, weil der öffentliche Nahverkehr nicht
funktioniert, Straßen gesperrt sind, es immer mehr militärische
Kontrollpunkte gibt oder Heckenschützen ihr Unwesen treiben.
In rund 60 Prozent der öffentlichen Krankenhäuser wird der WHO
zufolge nicht mehr oder kaum noch gearbeitet. Nicht nur, weil die
Gebäude zerstört sind. Es fehlen auch lebensnotwendige Medika-
mente, Betäubungs- und Schmerzmittel, Antibiotika, Serum oder
intravenöse Infusionen. Zumal mehr als die Hälfte der Rettungswa-
gen des Landes zerstört oder außer Betrieb sind: keine Ersatzteile,
kein Benzin.
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