spenden magazin 2014 - page 18

ie hieß es noch mal, das Bild, in das Politiker und
Kommentatoren traditionell ihre Angst vor der „Über-
fremdung“ packten? Sie sagten: „Das Boot ist voll.“ Seit
Lampedusa ist der Ausdruck nicht mehr imUmlauf. Die
Wirklichkeit hat ihn beim Wort genommen. Es gibt jetzt stattdessen
das Unwort des Jahres „Sozialtourismus“ oder beschönigend das Wort
von den „Zuwanderern in unsere Sozialsysteme“ – die bürokratische
Bezeichnung dessen, was man noch unlängst „Sozialschmarotzer“
nannte, und damit hat man einen Assoziationshorizont geöffnet,
der „Parasiten“ meint, also eine Spezies untergeordneten, tierischen
Lebens, für das die Betroffenen was qualifiziert? Materielle Armut,
sie allein. Menschen, die am Warenverkehr nicht teilnehmen kön-
nen, bekommen etwas von Systemfeinden. Man verwahrt sich gegen
ihre Ansprüche, fühlt sich von ihnen übervorteilt, bezichtigt sie des
„aggressiven Bettelns“, fordert „bettlerfreie Zonen“ und entlässt die
Armen nicht nur aus der gern beschworenen kollektiven Solidari-
tät, sondern markiert sie wie Ausgestoßene. Zugleich bekennt man
Armut
im Abseits
Die Spendenmagazin-Kolumne von
Roger Willemsen
Die Innenstadt-Kosmetik der
Städte soll gegen die Erscheinung
der Armen verteidigt werden
sich zur „Willkommenskultur“. Wenn Rassismus darin wurzelt, die
Realität einer Bevölkerungsgruppe nicht zur Kenntnis nehmen zu
wollen, dann ist das Verhalten Armen gegenüber oft rassistisch. Im
Bundestag wird Armut immer wieder ganz geleugnet, der Armuts-
bericht wird geschönt, und als ein Abgeordneter ausführte, es gäbe
in Deutschland bloß eine Zunahme an Armutsberichten, nicht an
Armut, war nicht die Infamie des Satzes das Verstörendste, sondern
die Tatsache, dass diesem Satz drei Parteien applaudierten. In einer
Zeit, in der ein Drittel der Gesellschaft den Zustand materieller Ge-
fährdung periodisch oder langfristig kennt und in der die Innenstadt-
Kosmetik der Städte gegen die Erscheinung der Armen verteidigt
werden soll, bedeutet Armut weit mehr als ein materielles Phänomen.
„Wettbewerbsfähigkeit“ als Kardinaltugend
Wenn man aber nicht einmal die Wohltätigkeit aufbringt, die Le-
bensbedingungen und -gefährdungen dieser Bevölkerungsgruppe
zur Kenntnis zu nehmen, dann formiert sich in Deutschland eine
Sozialphobie, die aus Benachteiligten Gegner macht. Wie müssen
Arme empfinden? Das Finanz-Milieu rüstet noch einmal ideologisch
auf, die Mentalität
der Geldinstitute und
Marketingstrategen er-
schöpft sich nicht mehr
in der Zurschaustel-
lung ihrer Profite. Es
wird Moral, Idyll, Lebensanschauung. Das heißt, wer arm ist, lebt
nicht nur materiell abseits der Gesellschaft. In dieser Kultur, und
das heißt auch in den Beziehungen der Menschen untereinander,
hat sich der Wert der Verkäuflichkeit und Käuflichkeit verselbst-
ständigt. Jede Gesinnung, jedes Phänomen, jede Erscheinung, jede
menschliche Hervorbringung, jede Leistung wird auf die Hochleis-
tungseigenschaften ihrer besten Verkäuflichkeit untersucht und
noch weiter abgerichtet. „Wettbewerbsfähigkeit“ ist eine Kardinal-
tugend. Unvorstellbar, welche Kultur wir vielleicht hätten, wenn wir
nicht jede Lebensregung auf ihre mögliche Kommerzialität unter-
suchen, wenn wir Zugang zur Öffentlichkeit nicht nur Dingen ver-
schaffen würden, die sich verkaufen lassen, wenn die Gesellschaft
als ganze mehr an Problemen arbeitete statt an Bilanzen, wenn, mit
einemWort, jede und jeder täte, was sie oder er gesellschaftlich für
wichtig und nicht, was sie für besonders profitabel halten. Es wäre
der utopische Zustand einer Gesellschaft, die sich vielleicht sogar in
ihren Armen erkennen können wollte. Wir dagegen erkennen uns
nicht, und wenn wir es täten, wir sähen arm aus.
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Foto: Anita Affentranger
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