Call for Papers

Partizipation in der Jugendarbeit – zwischen Politik und Anerkennung

Doppelausgabe der Fachzeitschrift „Soziale Arbeit“ 10+11/2021

Ohne die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen und sich an politischen Entscheidungen zu beteiligen ist Demokratie grundlegend infrage gestellt. „Partizipation ist ein, wenn nicht das normative Kernelement demokratischer Systeme“ (Alcántara et al. 2016, S. 1). Im Bereich der Jugendarbeit wird unter Partizipation in erster Linie die rechtlich verankerte Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Entscheidungen, die ihre Lebenswelt betreffen, verstanden. Das betrifft etwa die Ausgestaltung von Angeboten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit oder auch die umfassende Partizipation junger Menschen in ihren sozialräumlichen, lebensweltlichen und politischen Zusammenhängen. Kinder- und Jugendbeteiligung erlebt in den letzten Jahrzehnten einen großen Zuwachs an vielfältiger Praxis mit zahlreichen Programmen, Projekten und Best-Practice-Methoden – immer mit dem Ziel, jungen Menschen soziale und politische Teilhabe zu ermöglichen.

Dem Partizipationsbegriff sind jedoch viele Unschärfen inhärent. Neben der Perspektive auf „Partizipation als Programm“, kann er auch als ein „Wert an sich“ (Betz et al. 2010, S. 1) oder als „Arbeitsprinzip“ (Kunstreich; May 2020) professioneller Praxis gedacht und verstanden werden. Als „Schlüsselbegriff“ (Schnurr 2018, S. 631) steht Partizipation insbesondere für Verschiebungen von Machtverhältnissen und für ein Selbstverständnis der Sozialen Arbeit, das die Ko-Produktion von Professionellen und Adressat*innen betont. Mitbestimmung zuzulassen, Entscheidungskompetenzen abzugeben und auch Entscheidungsmacht zu übertragen sind professionelle Perspektiven, die eine schrittweise Ausgestaltung dieser koproduktiven Beziehungen ermöglichen (Straßburger; Rieger 2018).

Solche notwendigen Reflexionen über Partizipation und damit immer auch über Professionalität suchen häufig Anschluss an subjektorientierte Theorie- und Forschungspositionen. Denn diese Positionen bringen die Partizipation von Kindern und Jugendlichen mit Praktiken der Aneignung in Verbindung: Jugendliche dort „abzuholen“ wo sie stehen, bedeutet Aneignung zu ermöglichen, die subjektiven Perspektiven junger Menschen wahrzunehmen und anzuerkennen. Aneignung als (Selbst-)Bildung übertritt oftmals institutionelle Settings und findet an unterschiedlichen „Orten der jeweiligen Lebenswelten, Nahräumen, Dörfern, Stadtteilen oder im öffentlichen Raum“ (Deinet et al., S. 8) statt. Die Aneignung von Räumen beinhaltet häufig auch eine kritische Auseinandersetzung mit bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Partizipation aus dieser Perspektive ist für Jugendinitiativen, -verbände oder Jugendräume damit meist auch nicht von politischer Artikulation, Selbstorganisation und Protestformen zu trennen. So stellt sich hier nicht nur die Frage wie Jugendarbeit diese Prozesse unterstützen kann, sondern auch wie sich eine politisch verstehende Jugendarbeit beispielsweise im Kontext aktueller Diskussionen wie dem sogenannten „Neutralitätsgebot“ (vgl. z. B. Cremer 2019) verhält.

Vor diesem Hintergrund widmet sich das Doppelheft 2021 der Fachzeitschrift „Soziale Arbeit“ der  wichtigen Frage, wie es um die Partizipation in der Jugendarbeit heute steht. Wo also wird sie umgesetzt und ist sie sichtbar? Welches Potenzial bietet sie? Wo fehlt es an partizipativen Zugängen und wo lassen sich Grenzen oder Widersprüche ausmachen? Themenbereiche für Beiträge könnten dabei sein:

Programme der Jugendpartizipation: Welche Ansätze gibt es zur Förderung der Jugendpartizipation in der Praxis? Inwiefern greifen diese Instrumente auf der lokalen Ebene mit überregionalen Strategien ineinander? An welchen Stellen fehlt es an strukturellen, rechtlichen, finanziellen Rahmenbedingungen? Was gilt als gescheitert?

Partizipation als Selbstverständnis in der Jugendarbeit: Welche praktischen Erfahrungen, empirischen Erkenntnisse und theoretischen Reflexionen gibt es zur Frage der partizipativen Haltung von Fachkräften? Welche Erfahrungen gibt es mit konflikthaften Beteiligungssituationen, in denen jugendliche Selbstdeutungen und professionelle Perspektiven aufeinanderprallen?

Jugendarbeit zur Unterstützung jugendlicher Selbstorganisation: Was heißt eine sich politisch verstehende Jugendarbeit heute – insbesondere auch vor der Folie, dass politische Jugendinitiativen und -verbände in Zeiten des Erstarkens neurechter Kräfte und des Schrumpfens zivilgesellschaftlicher Räume in ihrem Tun gefährdet sein können.

Partizipation gleich Exklusion? Welche Personen nehmen an Beteiligungsprojekten teil und wer bleibt diesen Formaten fern? Welche empirischen Erkenntnisse und Erfahrungen gibt es und wie können sie theoretisch gefasst werden?

Was ermöglicht der Blick zurück? Welche Artikulations- und Selbstorganisationsmöglichkeiten hatten Jugendliche in der BRD einerseits und in der DDR andererseits? Was kann diese historische Perspektive zur Frage des professionellen Rollenverständnisses in der partizipativen Jugendarbeit heute beitragen? Was können wir lernen?

Aktuelle Umbrüche: Schließlich sind auch Beiträge denkbar, die danach fragen, wie Partizipation in der Jugendarbeit in Zeiten der Corona-Pandemie stattfindet. Was bedeutet das physical distancing für die Praxis? Wer wird durch die aktuell starke Konzentration auf das Digitale ausgeschlossen und für wen ergeben sich gerade dadurch neue Formen der Partizipation?

Wir laden Autor*innen aus Wissenschaft und Praxis zur Einreichung von Aufsätzen ein. Dazu bitten wir zunächst um Abstracts im Umfang von 3000 bis 4000 Zeichen, die bis zum 4.10.2020 an redaktion@dzi.de geschickt werden können. Auf Einladung reichen Sie dann bitte Ihren vollständigen Beitrag im Umfang von bis zu 28.000 Zeichen bis zum 31.1.2021 ein. Ihr Manuskript durchläuft daraufhin ein Peer Review-Verfahren. Wir bitten, den Zeitplan zu beachten:

Frist zur Einreichung der Abstracts: 05.10.2020

Redaktionelle Begutachtung der Abstracts und Rückmeldung: 30.10.2020

Einreichung der Manuskripte: 31.01.2021

Rückmeldung Ergebnis Peer Review: 15.03.2021

Zusendung der überarbeiteten Manuskripte: 30.04.2021

Veröffentlichung der Doppelausgabe 10+11/2021 Oktober 2021

Die Abstracts sollten folgende Angaben enthalten: Name, Kontakt, Affiliation/Träger, Titelvorschlag, inhaltliche Fragestellung, Relevanz, theoretische Einbettung, methodisches Vorgehen (bei Empirie). Bei Fragen stehen Ihnen Stephanie Pigorsch (pigorsch@dzi.de) und Julia Brielmaier (brielmaier@dzi.de) zur Verfügung.

Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen!

Die Redaktion Soziale Arbeit

Literatur
Alcántara, Sophia et al.: Demokratietheorie und Partizipationspraxis. Analyse und Anwendungspotentiale deliberativer Verfahren. Wiesbaden 2016
Betz, Tanja; Gaiser, Wolfgang; Pluto, Liane: Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Diskussionsstränge, Argumentationslinien, Perspektiven. In: https://www.buergergesellschaft.de/fileadmin/pdf/gastbeitrag_betz_gaiser_pluto_101015.pdf (veröffentlicht 2010, abgerufen am 10.8.2020)
Cremer, Hendrik: Das Neutralitätsgebot in der Bildung. Neutral gegenüber rassistischen und rechtsextremen Positionen von Parteien? https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/ANALYSE/Analyse_Das_Neutralitaetsgebot_in_der_Bildung.pdf
Deinet, Ulrich; Reis, Claus; Reutlinger, Christian; Winkler, Michael: Aller guten Dinge sind drei – sind aller guten Dinge drei? Einleitende Gedanken zu den Potentialen des Aneignungskonzepts. In: Deinet, Ulrich et al. (Hrsg.): Potentiale des Aneignungskonzepts. Weinheim, Basel 2018, S. 7-12
Kunstreich, Timm; May, Michael: Partizipation als Arbeitsprinzip. Zur Praxis gemeinsamer Aufgabenbewältigung. In: Widersprüche 1/2020, S. 49-60
Schnurr, Stefan: Partizipation. In: Graßhoff, Gunther; Renker, Anna; Schröer, Wolfgang (Hrsg.): Soziale Arbeit. Eine elementare Einführung. Wiesbaden 2018, S. 631-648
Straßburger, Gaby; Rieger, Judith: Partizipation kompakt – Komplexe Zusammenhänge auf den Punkt gebracht. In: Straßburger, Gaby; Rieger, Judith (Hrsg.): Partizipation kompakt. Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe. Weinheim 2019, S. 230-240

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