Wichtiger Schulterschluss – Wie Spendenorganisationen und Unternehmen kooperieren

Spenden von Privatpersonen sind extrem wichtig. Doch deren Anteil ist in den letzten Jahren leicht zurückgegangen. Dadurch hat die Bedeutung von Unternehmen stark zugenommen, sowohl im Hinblick auf das Spendenaufkommen wie bei gezielten Kooperationen zwischen ihnen und Spendenorganisationen.

Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) hat aus der Gewerbesteuerstatistik ermittelt, dass 2020 ungefähr 4,1 Millionen Gewerbebetriebe rund 1,5 Milliarden Euro für steuerbegünstigte Zwecke gespendet haben. 60 Prozent davon stammen von Kapitalgesellschaften und 40 Prozent von kleineren Gewerbebetrieben. Was bedeuten Unternehmensspenden aktuell? Und wie können Spendenkooperationen langfristig aussehen? Das Spendenmagazin hat sich exemplarisch bei vier gemeinnützigen Organisationen erkundigt:

Katholisches Hilfsnetzwerk in Afrika, Asien und Ozeanien
missio München ist ein internationales Hilfswerk, das als Teil eines katholischen Netzwerkes benachteiligte Menschen in Afrika, Asien und Ozeanien unterstützt. Das Engagement reicht von Bildungsarbeit über Gesundheitsversorgung und Seelsorge in Katastrophengebieten bis hin zur Unterstützung von Ortskirchen. Im Jahr 2024 hat missio München 633 Projekte in 40 Ländern gefördert. Im Haus der Weltkirche in München finden regelmäßig Lesungen, Vorträge und Ausstellungen statt, um über die weltweiten Tätigkeiten im Inland zu informieren. missio arbeitet eng mit den katholischen Hilfswerken Misereor, Adveniat, Renovabis, Caritas international und dem Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ zusammen. Christoph Michel, Abteilungsleiter für Fundraising und Spenderkommunikation bei missio München, betont, dass die Spendenbereitschaft und das Engagement von Privatpersonen im Zentrum des Hilfswerks stehen, meint aber auch: „Unternehmenskooperationen gewinnen für uns zunehmend an Bedeutung. Viele Firmen möchten heute gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und nachhaltige Wirkung erzielen. Für sie bieten wir individuelle Partnerschaftsmodelle an, die soziale Verantwortung, weltkirchliches Engagement und glaubwürdige Kommunikation verbinden.“ Auch wenn der Großteil der Spenden von Privatpersonen stammt, sieht Michel die Zusammenarbeit als „wertvolle Ergänzung“, neue Impulse zu fördern und Kampagnen zu stärken.

Zwei erwachsene Frauen stehen freundlich lächelnd nebeneinander und halten jeweils einige Küken in der Hand.
missio München unterstützt benachteiligte Menschen in Afrika, Asien und Ozeanien.

Gemeinnützige Organisation kämpft gegen die Krankheit Noma
Der Verein Gegen Noma-Parmed e.V. besteht seit 2008 und wurde mit dem Ziel gegründet, Kinder vor der Krankheit Noma zu schützen. Diese ist eine schnell fortschreitende Infektion des Mund- und Gesichtsgewebes, die vor allem unterernährte Kinder in Armut betrifft. Schätzungen zufolge erkranken jedes Jahr bis zu 140.000 Kinder, die meisten in Afrika. Ohne Behandlung führt Noma in bis zu 90 Prozent der Fälle zum Tod – dabei ist die Krankheit heilbar und vermeidbar.

Auf dem Bild ist ein Kind zu sehen. Es hat eine Narbe an der rechten Wange, die durch Noma verursacht wurde. Im Mund hält es drei übereinanderliegende Holzspatel (Mundspatel bzw. Zungenspatel), die verwendet werden, um den Mund geöffnet zu halten.
Der Verein Gegen Noma-Parmed hilft, Kinder in Afrika vor einer gefährlichen Krankheit zu schützen
Auf dem Bild ist ein Arzt zu sehen, der den Mund und das Gesicht eines Babys untersucht. Das Baby liegt in einem Bett neben der sitzenden Mutter.
oder Betroffene medizinisch zu versorgen.

Die gemeinnützige Organisation mit Sitz in Kempten hilft, indem sie die Ausbildung des notwendigen Fachpersonals sowie die Aufklärung unter Müttern fördert. Außerdem hilft sie mit der medizinischen Behandlung betroffener Kinder. Unternehmenskooperationen waren seit der Gründung des Vereins 2008 wichtiger Bestandteil des Selbstverständnisses. Die beiden Gründer Jean-Jacques Santarelli und Ulrich Kraut waren zu dem Zeitpunkt jeweils Geschäftsführer bei Edelweiss GmbH & Co. KG in Kempten, Allgäu. Der Anteil von Unternehmensspenden an den gesamten Spendeneinnahmen des Vereins in den vergangenen fünf Jahren liegt konstant bei etwas über 40 Prozent. Denn die Präventionsmaßnahmen gegen Noma erfordern langfristige Planung. Um die Kontakte zu Unternehmen nachhaltig zu stärken, bietet die Organisation einen ausführlichen Jahresbericht, Vorträge und persönlichen Austausch. Jean-Jacques Santarelli meint dazu: „Unsere Erfahrung zeigt: Wenn Unternehmen langfristig an der Seite von Hilfsorganisationen stehen, entsteht nachhaltige Wirkung. Es geht nicht um kurzfristige Projekte, sondern um verlässliche Partnerschaften.“ Ulrich Kraut bekräftigt: „Wir möchten aus dem Allgäu heraus ein starkes Signal senden: Kein Kind soll mehr an Noma sterben.“

Deutschlandweite Hilfe für eine sichere Kindheit und Jugend
SOS-Kinderdorf e.V. ist ein politisch sowie konfessionell unabhängiges Sozialwerk, um Kindern und Jugendlichen ein sicheres Zuhause zu bieten. Seit der Gründung 1955 ist der Verein kontinuierlich zu einem bundesweit etablierten Jugendhilfeträger mit 38 Einrichtungen an 271 Standorten herangewachsen. Das vielfältige Angebot umfasst stationäre und ambulante Hilfe, Kindertagesbetreuung, Familienberatung, schul- und berufsbezogene Unterstützung sowie soziale und berufliche Integrationsräume für Menschen mit Behinderungen. Der SOS-Kinderdorf e.V. ist einer der großen Fördervereine im weltweit tätigen Dachverband SOS-Kinderdorf International. Dort gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich als Unternehmen zu engagieren: zum Beispiel in Form von Einmalspenden zu bestimmten Anlässen, Mitarbeiter- oder Kundensammelaktionen, Matching Funds, Spendenaufrufen im Rahmen von Firmen-Events oder längerfristigem Sponsoring. SOS-Kinderdorf achtet darauf, dass Unternehmen mitentscheiden können, wohin die Zuwendungen fließen. Gemeinsam mit den Firmen findet das Hilfswerk individuell passende Projekte. Gerade kleinere oder mittelständische Betriebe können dadurch regionale Einrichtungen und betroffene Kinder und Familien unterstützen. Rund 88 Prozent der Gesamtaufwendungen werden direkt in die Programmarbeit investiert. So können Unternehmen überblicken, welcher Teil der Spenden wofür benötigt und ausgegeben wird. Der Anteil an Firmenspenden ist bei SOS-Kinderdorf in den letzten Jahren gewachsen, aber reagiert empfindlich auf die ökonomischen Umstände. Und auch die Anforderungen der Unternehmen werden anspruchsvoller. Das Hilfswerk reagiert mit kreativen Lösungen wie z.B. Social Days oder Angeboten für Unternehmensfeiern.

Ein Kind hält ein junges Mädchen auf dem Arm. Beide schauen lächelnd in die Kamera.
SOS-Kinderdorf bietet Kindern und Jugendlichen weltweit ein sicheres Zuhause.
Zwei junge Mädchen sind auf einem Spielsatz. Sie spielen auf einem Klettergerüst. Ein Mädchen geht die Holztreppen des Gerüsts hinaus. Das andere Mädchen steht auf dem Geländer und stützt sich dabei mit den Armen auf dem Geländer ab - es steht über dem anderen Mädchen. Beide lächeln in die Kamera.

Notwendiges Retten und Verteilen von Lebensmitteln
Zu Tafel Deutschland e.V. gehören deutschlandweit 970 Tafeln, die jedes Jahr im Durchschnitt 265.000 Tonnen Lebensmittel von Supermärkten, Bäckereien und anderen Geschäften retten und an Bedürftige verteilen. Die Logistik dahinter ist sehr komplex, da für die Transportwege Zwischen-, Kühl- und Tiefkühllager sowie entsprechende Fahrzeuge benötigt werden. In manchen Regionen Deutschlands fehlen Lagerkapazitäten, die außerdem sehr kostspielig sind. Die Tafel setzt daher neben Lebensmittel- und Warenspenden sowie ehrenamtlicher Unterstützung auch auf Geldspenden von Privatpersonen und Unternehmen.

Der Verein bietet drei Kooperationsmodelle an: erstens können Unternehmen ihr Geschäftsziel (z.B. der Verkauf ihres Produkts) mit einer Spende an die Tafel kombinieren, zweitens können Spendenaktionen für Kund:innen veranstaltet oder drittens Mitarbeiter:innen in ehrenamtlichen Tätigkeiten langfristig eingebunden werden. Zu den Hauptpartnern, die die Tafel seit Jahren mit Sachspenden, finanziell oder logistisch unterstützen, zählen u.a. die METRO AG, die REWE Group, Lidl und Mercedes-Benz. Daneben gibt es auch zahlreiche Firmen, die den Verein mit Geld- und Sachspenden sowie Sponsoring helfen. Dabei stellen Dienstleister aus verschiedenen Branchen, wie z.B. ADAC, Amazon, Nestlé Deutschland AG und Enterprise Rent-A-Car unentgeltlich oder vergünstigt ihre Leistungen zur Verfügung.

Michael Kohl

Fotos: Jörg Boethling, Sebastian Pfütze, Missio, Gegen Norma
Der Artikel erschien im Spendenmagazin 2025.

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