Frauen sind die weltbesten Teamplayer

In Ländern, die humanitäre Hilfe benötigen, sind Mädchen und Frauen ärmer, öfter von Bildungsangeboten ausgeschlossen als Männer und trotzdem erfolgreicher. Weil sie für ihre Zukunft und die ihrer Kinder immer mehr Verantwortung übernehmen – als Projektleiterinnen, Unternehmerinnen und humanitäre Helferinnen

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg ist in aller Munde, Fridays-for-Future-Schulstreiks Teil einer globalen Bewegung, aber eigentlich ist sie nur ein Star-Beispiel dafür, was Mädchen und junge Frauen bewirken können. Schon 2004 bekam die kenianische Umweltaktivistin Wangari Maathai den Friedensnobelpreis. Ihrer Grüngürtelbewegung gelang es als panafrikanische Bewegung, in 13 Ländern mehrere zehntausend arme Frauen zu mobilisieren, 30 Millionen Bäume zu pflanzen und 600 Baumschulen zu gründen, damit das Land nicht verwüstet wird und die Bevölkerung nicht in städtische Slums fliehen
muss.

Zentrale Rolle für die Entwicklung

Denn Fakt ist, ob durch Klimakatastrophen oder religiös motivierte Strukturen: Armut trifft Frauen und Kinder meistens zuerst. „Frauen machen 70 Prozent der in Armut lebenden Menschen auf dem Land aus“, meldet die Welthungerhilfe. „Und das, obwohl sie eine zentrale Rolle für nachhaltige Entwicklung und die Bekämpfung von Hunger spielen. In den Entwicklungsländern produzieren Frauen bis zu 80 Prozent der Nahrungsmittel, ihnen gehört jedoch weniger als ein Fünftel der Anbauflächen.“ Die Erträge auf den Feldern ließen sich um 20 bis 30 Prozent steigern, wenn Frauen den gleichen Zugang zu Landbesitz, Krediten, Märkten und Bildung wie Männer hätten. Zwar hat die Entwicklungspolitik schon Anfang der 1970er-Jahre die Frauen entdeckt und mit der gezielten Frauen-Förderung in Projekten und Programmen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit begonnen. Das bezog sich jedoch vor allem auf die reproduktive Rolle der Frauen als Hausfrauen und Mutter. Erst seit einigen Jahren werden Frauen zunehmend in die Projektverantwortung genommen – mit mehr Erfolg, als wenn Männer diese übernehmen.

Helene Wolf setzt sich bei FAIR SHARE of Women Leaders e.V. für Geschlechtergerechtigkeit in gemeinnützigen Organisationen ein

Für Helene Wolf, Vorstandsvorsitzende vom FAIR SHARE of Women Leaders e.V., gibt es eine klare Erklärung dafür: „In vielen Ländern sind gerade arme und marginalisierte Frauen aufgrund religiöser, kultureller und sozialer Tabus für Männer nicht erreichbar. Dort können nur Frauen erfolgreich Entwicklungsarbeit leisten. Grundsätzlich haben Frauen besseren Zugang zu anderen Frauen und sind besser in der Lage, die vielfachen Benachteiligungen und Einschränkungen zu verstehen, denen Frauen weltweit ausgesetzt sind.“ Und sie hätten oft mehr Antrieb als Männer, denn „Frauen haben über Jahrzehnte (teilweise schmerzhaft) lernen müssen, dass sie härter arbeiten müssen als Männer, um beruflich erfolgreich zu sein“, so Wolf weiter. Dabei zeigt die Erfahrung, „dass Frauen häufig besser in der Lage sind, moderne teamorientierte und empathische Führung zu gewährleisten als Männer, die oft noch in tradiert patriarchischen Führungsmustern denken und handeln“. Auch deshalb setzt sich FAIR SHARE of Women Leaders e.V. für ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in den Leitungsstrukturen der gemeinnützigen Organisationen ein und listet auf der eigenen Homepage, wie hoch der Frauenanteil in den Leitungen vieler bekannter Organisationen wirklich ist.

Mikrokredite für Frauen

Barbara Wessel von Plan International Deutschland e.V. ist von Mikrofinanz-Initiativen für Frauen überzeugt, da dies der Familie zugute kommt

In Ländern wie Afrika „sichern die Einkommen der Frauen meist das Überleben der gesamten Familie“, berichtet Barbara Wessel, Pressereferentin von Plan International Deutschland e.V., aus der Praxis. Als eine der größten NGOs fördert Plan International Mädchen-Projekte auf der ganzen Welt und kann auf einen entsprechenden Erfahrungsschatz zurückgreifen. „Studien haben gezeigt, dass Frauen 90 Prozent ihrer Löhne in die Familie reinvestieren. Sie finanzieren den Schulbesuch und die Ausbildung ihrer Kinder. Männer wenden in dieser Hinsicht nur 30 bis 40 Prozent ihrer Einkünfte auf.“ Weil die Ausbildung der Kinder essenziell ist in Hinblick auf eine bessere Zukunft, richtet Plan International sich mit fast allen Mikrofinanz-Initiativen in erster Linie an Frauen. Das heißt, sie geben ihnen einerseits einen Kredit und unterstützen sie gleichzeitig bei der Gründung kleiner Unternehmen wie einer Bäckerei, einem Schneiderladen oder einer erfolgreicheren Landwirtschaft. Dadurch ändert sich die Struktur in den Haushalten, die Frauen gewinnen an Einfluss. Barbara Wessel: „Frauen tauschen sich gerne in ihren Spargruppen untereinander aus und bauen wichtige Netzwerke auf. Durch ihre oftmals neue Position als Einkommenserwerberin entwickelt so jede Frau ein größeres Selbstbewusstsein und ein höheres soziales Ansehen.“

Von Frauen für Frauen

Pater Matthias Maier hat sehr gute Erfahrungen damit gemacht, Ordensfrauen die Leitung über Projekte zu überlassen

Wie wichtig Frauen für den Erfolg der Entwicklungsarbeit auch als Projektleiterinnen sind, betont auch Pater Matthias Maier, Präsident der Missionszentrale der Franziskaner. „Projekte mit Ordensfrauen laufen in vielen Kulturen besser als mit Männern. Früher war es Usus, dass die männlichen Ordensoberen den Projektvorschlägen von Frauen und Schwestern zunächst zustimmen mussten, bevor sie an die Missionszentrale der Franziskaner nach Bonn geschickt werden konnten. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Die Frauen müssen selbstständig sein, frei und kreativ handeln können – in allen Strukturen – und wir müssen sie dabei unterstützen. Die Armutsfrage Afrikas ist nicht ohne die Frauen zu beantworten. Denn wenn sich die Frauen, wie unsere Ordensschwestern, nicht der Armut und Not annehmen würden, wäre die Welt ein großes Stück kälter.“

Auch ohne einen christlich motivierten Hintergrund sind zunehmend Frauen in verantwortlicher Position in der humanitären Arbeit aktiv. Ein Beispiel ist Katharina Witkowski, die derzeit das Team Westafrika für die Abteilung Internationale Zusammenarbeit für Plan International Deutschland leitet. Zuvor war sie in zahlreichen Krisengebieten als humanitäre Helferin tätig und arbeitete als Nothilfekoordinatorin im gefährlichen Nordostnigeria, um dort Bildungsprojekte wie mobile Schulen oder Programme gegen Gewalt zum Schutz von Mädchen und Frauen umzusetzen. Diese können sich zum Beispiel nach einer Vergewaltigung kaum an Männer wenden.

Noch ein anderer Aspekt ist wichtig: eine gewisse Vorbildfunktion. Die mitarbeitenden Frauen im Projekt fanden es sehr motivierend, eine Frau als Leiterin der Nothilfe vor Ort zu haben. Eine nigerianische Kollegin sagte zu ihr: „Katharina, in Deutschland bist du eine Frau, aber in Nigeria bist du ein Mann!“ Witkowski ist stolz darauf: „Noch heute bekomme ich Nachrichten von meinen Mitarbeiterinnen aus Nigeria. Sie sagen, dass ich ihnen beigebracht habe, stark zu sein und mitbestimmen zu dürfen.“ Allerdings sei es trotzdem schwer, gerade mit Menschen zu verhandeln, die lieber einen Mann als Gesprächspartner hätten. „Frauen werden in vielen Ländern der Welt immer noch als Menschen zweiter Klasse angesehen.“

Ein Kampf für mehr Sicherheit

Wenn in Projekten Mädchen und Frauen Zielgruppe sind, dann ist es wichtig, ihre Perspektiven bei der Projektplanung zu berücksichtigen

Auch die Kindernothilfe e.V. will mit Programmschwerpunkten gezielt Mädchen und Frauen helfen, da diese in den meisten Ländern des globalen Südens nach wie vor stärker benachteiligt sind. Sie leiden auch häufig unter einer Mehrfachdiskriminierung. Dementsprechend sind viele Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit so ausgerichtet, dass sie die Rechte von Frauen und Mädchen besonders stärken. „Generell unterstützen wir den Ansatz, Zielgruppen in der Projektplanung und Projektdurchführung partizipieren zu lassen“, erklärt Debora Janknecht, Programme Managerin für Ost-Afrika bei der Kindernothilfe. „Wenn es um die Belange von Mädchen und Frauen geht, ist es sehr wichtig, ihre Perspektiven in der Projektplanung und Durchführung zu berücksichtigen, damit das Projekt auch die tatsächlichen Ursachen der jeweiligen Rechtsverletzungen angeht. Zudem fällt es Mädchen und Frauen oft leichter, sich einem gleichgeschlechtlichen Gegenüber zu öffnen, wenn es um sensible Themen wie zu Beispiel sexuelle Gewalt geht. Dies gilt umgekehrt natürlich auch für Jungen und Männer.“

Alle Frauen, auch humanitäre Helferinnen und Projektverantwortliche, sind anderen Risiken bei der Arbeit ausgesetzt als Männer. Witkowski: „Es kommt sehr oft zu sexuellen Übergriffen auf Frauen in Krisenregionen. Wir können uns in der Dunkelheit in der Regel nicht mehr auf der Straße bewegen, sind also wesentlich eingeschränkter vor Ort.“ Allein im Ostkongo werden jeden Monat 67 von 1.000 Frauen Opfer massiver sexueller Gewalt. 15 kämpferische Krankenschwestern gründeten deshalb im Jahr 2000 das Projekt FEPSI. „Wir konnten es nicht mehr ertragen, dass eine Gesellschaft, dass die ganze Welt wegschaut“, denkt Marie Dolorose Masika-Kafanya an die Gründungszeit zurück. Kurz danach eröffneten sie das „Centre Hospitalier FEPSI“ in Butembo, das vergewaltigten Frauen medizinische und psychologische Hilfe anbietet. Heute zählt es 63 Betten, 57 Angestellte und 125 Vertrauensleute, die FEPSI in den Dörfern bekannt machen. Natürlich könnten sie die politische Situation nicht ändern, das müssten andere tun, doch „wenn eine Frau trotz all der Gewalt und des Grauens, die sie erlebt hat, nach ein paar Tagen im FEPSIHospital wieder lächelt“, sei das „der schönste Moment“, für den Marie Dolorose jeden Tag von Neuem kämpft.

Karen Cop

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