„Die Menschen leben in einem Ausnahmezustand“

Rund zwei Jahre dauerte der Krieg zwischen Israel und Hamas, seit dem 9. Oktober 2025 herrscht eine Waffenruhe in Gaza. Doch wie geht es weiter? Was muss getan werden? Wir sprachen mit Christian Schneider, Vorsitzender des Aktionsbündnisses Katastrophenhilfe und Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, über die Arbeit der Organisationen vor Ort.

Können Sie uns mehr über das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe erzählen? Worin besteht dieses und was ist das Ziel?
Es handelt sich um ein Bündnis aus vier bekannten, weltweit erfahrenen Organisationen, die in Kriegs- und Krisenregionen humanitäre Hilfe leisten: das Deutsche Rote Kreuz, Caritas International, Diakonie Katastrophenhilfe und UNICEF Deutschland. Einige der Bündnispartner arbeiten mit eigenen Teams vor Ort. Andere Bündnispartner arbeiten seit vielen Jahren mit Partnerorganisationen zusammen. Ziel ist es, im Fall einer Krisensituation – wie aktuell in Gaza – schnell und wirkungsvoll die Bevölkerung zur Unterstützung aufzurufen. Der gemeinsame Aufruf macht in solchen Fällen auch deutlich, dass eine Katastrophe eine bestimmte Schwelle erreicht hat.

Wie würden Sie die aktuelle Situation in Gaza beschreiben? Was unternimmt Ihr Bündnis?
Die Menschen leben dort seit zwei Jahren in einem absoluten Ausnahmezustand, darunter eine Million Kinder. Sie haben Monate entsetzlicher Gewalt überstanden, sind oft mehrfach vertrieben worden und sind nun am Ende ihrer Kräfte. Das Leben, wie sie es kannten, ist komplett zusammengebrochen, die meisten versuchen, nur noch irgendwie zu überleben. Unsere vier Organisationen sind aktuell damit beschäftigt, gegen die Hungersnot und die Mangelernährung vorzugehen, speziell die von Kindern, beispielsweise durch die Lieferung von Spezialnahrung. Sauberes Wasser ist ebenfalls Mangelware: Es müssen Leitungen repariert werden, Pumpen und Anlagen wieder in Betrieb genommen werden. Wo das noch nicht möglich ist, muss das Wasser per Lkw geliefert werden. Da das Gesundheitssystem kollabiert ist, ist es außerdem sehr wichtig, Medikamente zur Verfügung zu stellen oder auch Impfungen sicherzustellen, um gefährliche Krankheiten zu vermeiden. Gleichzeitig müssen wir aber auch an die Zukunft denken. Das bedeutet zum einen, die Menschen auf den Winter vorzubereiten. Wir müssen zum Beispiel Decken und Winterkleidung für die Menschen beschaffen. Es geht aber nicht nur um Hilfspakete: So müssen wir über Notschulen und improvisierte Klassenräume sicherstellen, dass die Kinder nach zwei Jahren Zwangspause endlich wieder anfangen können zu lernen. Wir bieten auch psychosoziale Unterstützung, damit die Menschen inmitten der Ruinen ein wenig Halt und eine Art Normalität erfahren können.

Die Organisationen des Aktionbündnisses Katastrophenhilfe versorgen in Gaza die Menschen mit dringend benötigter Nahrung – vor allem Kinder.

Ist eine solche Hilfe derzeit überhaupt möglich?
Ja, sie ist möglich. Die vier Organisationen waren während der gesamten zwei Jahre weiterhin in Gaza tätig, wenn auch teilweise nur eingeschränkt. Seit der Waffenruhe konnten alle vier die Hilfe wieder ausweiten. Bei UNICEF etwa konnten wir die Zahl der Paletten mit Hilfsgütern seit Beginn der Waffenruhe verdoppeln. Klar ist aber, dass die aktuellen Lieferungen nach wie vor nicht ausreichen. Es bräuchte das Zigfache von dem, was wir im Moment liefern können. Noch immer ist die Zahl der Grenzübergänge beschränkt. Noch immer sind die Lieferungen durch bürokratische Hürden gehemmt oder führen teilweise über zerstörte Strecken in Gaza. Daher ist es schwierig, mehr Hilfe zu den Menschen zu bringen.

Gibt es eine Alternative zu den Lkw-Transporten?
Nein. Wenn Sie eine Bevölkerung von zwei Millionen Menschen versorgen wollen, die in einer Hungersnot sind oder kurz davorstehen und durch Entbehrung und Krankheiten geschwächt sind, dann geht das nur über ein Netzwerk etablierter Partner vor Ort und den massiven Einsatz von Lkw-Transporten. Zumal jetzt so viele Familien innerhalb des Gazastreifens in Bewegung sind, um ihr Leben wieder aufzubauen.

Wie stellen Sie sicher, dass sie bei denen ankommen, die sie am dringendsten brauchen? Geht das überhaupt?
Das ist natürlich eine zentrale Frage, die zu Recht gestellt wird. Unsere Organisationen haben ein sehr strenges Kontrollsystem. Das beginnt bei internem Tracking der Hilfslieferungen und Projekte und geht weiter über klare Regeln für die Auftragsvergabe und enge Kontrollen der Partner vor Ort. Es gibt interne und externe Audits, bei denen die Abläufe überprüft werden. Die Hilfe ist außerdem unter den Organisationen der Vereinten Nationen und den beteiligten NGOs koordiniert. Es ist also nicht so, dass man einfach nur irgendetwas tut. Wir stimmen uns untereinander ab und handeln nach klaren Prinzipien der humanitären Hilfe im Sinne der Menschlichkeit und der Bedürfnisse der Bevölkerung. Dass es in einigen Fällen zu Plünderungen kam, ist das Ergebnis der großen Not, die diese Menschen erleiden. Wir können zwar sehr genau nachvollziehen, wo und wann Lieferungen geplündert wurden. Völlig ausschließen kann man solche Vorfälle aber nie, gerade nicht in Ausnahmesituationen mit Hunderttausenden verzweifelten Menschen.

Wie sieht es aus mit Menschen aus Palästina, die ins Ausland geflohen sind? Wie kann ich diesen helfen?
Im Moment steht die überlebenswichtige Hilfe im Gazastreifen im Vordergrund. Aber unsere Organisationen sind seit langer Zeit mit eigenen Teams oder Partnern auch in der Region tätig. Wir bei UNICEF sind beispielsweise über unsere Regionalbüros und Länderteams für Not leidende Menschen auch über den Gazastreifen hinaus im Einsatz – etwa in Ägypten, in Jordanien und im Libanon.

Wenn ich spenden wollte, wo wäre der Vorteil, das bei dem Bündnis zu tun anstatt bei einer der Organisationen?
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen helfen wollen, aber nicht genau wissen, an wen sie sich wenden sollen, weil sie sich auch keiner einzelnen Organisation verpflichtet fühlen. Ein Bündnis bekannter Organisationen, die nach klaren Standards arbeiten, kann dann sehr hilfreich sein – gerade, wenn die Hilfe dringend ist und es schnell gehen soll.

Interview: Oliver Armknecht

Fotos: UNICEF/Nateel/Etges
Der Artikel erschien im Spendenmagazin 2025.

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