In der letzten Zeit ist die Entwicklungszusammenarbeit unter Druck geraten. Nicht nur, dass viele Staaten die Gelder zusammenkürzen. Auch in der Gesellschaft nimmt die Skepsis teilweise zu, ob diese Summen nicht verschwendet sind und lieber der eigenen Bevölkerung zukommen sollten. Und doch ist die Arbeit sehr wichtig.
Der Schock war groß, als die US-Regierung die United States Agency for International Development – kurz USAID – drastisch zusammenstauchte. Mehr als 80 Prozent der Verträge wurden gekündigt, von 10.000 Mitarbeitenden blieben nur 300. Inzwischen wurde die Behörde, die zuletzt ein Budget von mehr als 40 Milliarden US-Dollar hatte, komplett aufgelöst. Dahinter steckte nicht nur eine Abkehr vom Multilateralismus. Eine häufig geäußerte Kritik lautet, dass Entwicklungszusammenarbeit ohnehin nichts bringen würde. Wozu jahrzehntelang Milliarden investieren, wenn sich sowieso nichts ändert? Dabei gibt es durchaus Ansätze, diese Erfolge zu messen und konkret zu benennen – man muss nur genauer hinschauen.
Gewusst wie
Bei der Welthungerhilfe wird das Thema Wirkung anhand von vier Fragen betrachtet: 1. Wie viele Menschen werden erreicht? 2. Wie sehr hat sich ihre Situation verändert? 3. Wie dauerhaft ist die Veränderung? Kommen die Verbesserungen bei denen an, die sie am dringendsten benötigen? Bei jedem Projekt wird vorab eine Prognose für die geplante Wirkung erstellt. Anschließend wird überprüft, ob die Annahmen eingetreten sind. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass Projekte zu Verbesserungen führen. Bei einem Schulmahlzeiten-Projekt in Burundi etwa können sich Kinder kurzfristig besser konzentrieren und kommen verlässlicher zur Schule. Langfristig verbessert das ihre Bildungschancen. Gleichzeitig stärkt die Nachfrage nach Lebensmitteln die Region: Bäuerliche Kooperativen beliefern Schulen mit Produkten, die sie selbst anbauen. So entsteht ein Kreislauf, in dem Ernährung, Einkommen und Bildung sich gegenseitig stärken. „Uns ist wichtig, dass sich die Wirkung verfestigt und eine langfristige und sich selbst verstärkende Veränderung eintritt“, so Sebastian Schuster, Team Lead MEAL (Monitoring, Evaluation, Accountability & Learning) bei der Welthungerhilfe.

Zu diesem Zweck arbeitet die Organisation eng mit den Menschen vor Ort zusammen. Dieser partizipative Ansatz ist ein festes Merkmal moderner Entwicklungszusammenarbeit. Genau hier beginnt Transformation: Wenn Wirkung nicht bei einzelnen Projekten endet, sondern in den Strukturen weiterlebt, die den Wandel tragen – in Märkten, Gemeinden und Institutionen. In Malawi etwa führte die enge Zusammenarbeit beim Brunnenbau so weit, dass ein eigenes Ministerium den Prozess fortsetzt. „Da ist jedes Land, jede Situation anders und wir müssen immer mit den Menschen vor Ort entscheiden – damit Wirkung nachhaltig von innen heraus wächst“, fährt Schuster fort.
Bildung ist Zukunft
Ein Thema, das in vielen Entwicklungsländern eine große Rolle spielt, ist Bildung. Denn nur, wenn Kinder lesen, schreiben und rechnen können, haben sie die Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft. Diesen Ansatz verfolgt die Organisation FLY & HELP und investiert daher gezielt in Schulen. Gemeinsam mit lokalen Partnern werden diese gebaut und nach der Fertigstellung an den Staat übergeben. „Bildung ist für uns der Inbegriff von Hilfe zur Selbsthilfe, weil die Kinder so früh lernen, ihr Leben selbst in den Griff zu nehmen“, schildert Silanca Weihmann, 2. Vorsitzende der Stiftung und Tochter des Stiftungsgründers Reiner Meutsch, das Konzept der Organisation. Das gilt besonders für Kinder in abgelegenen Gegenden. Während die Länder in großen Städten vielleicht noch die Mittel aufbringen können, haben die Menschen in regionalen Gegenden das Nachsehen. Dabei sind es gerade sie, die eine Perspektive brauchen.

FLY & HELP liefert an der Stelle im wahrsten Sinn den Grundstein, auf dem dann die Kinder im weiteren Leben aufbauen können. Der Bedarf ist nach wie vor riesig: Rund 140 Projekte werden pro Jahr gebaut, gerade erst wurde in Sri Lanka die 1000. Schule der Stiftung eröffnet. „Es gibt noch immer viele Millionen Kinder auf der Welt, die keine Schule haben oder zehn Kilometer bis zur nächsten Schule laufen müssen“, erklärt Weihmann die Situation. „Da bleibt noch viel zu tun.“ Die Zusammenarbeit mit den Staaten läuft dabei meistens sehr gut. In den wenigen schwierigen Fällen wie Myanmar, wo seit dem Putsch Bildung weniger gern gesehen wird, springen andere Partner ein. Dann betreiben etwa kirchliche Organisationen die Schulen privat.
Den Kindern zuliebe
Auch die nph Kinderhilfe Lateinamerika hat sich der Idee verschrieben, den Jüngsten zu helfen. „Wenn man die Welt verändern will, muss man bei den Kindern a anfangen“, wird Gründer Padre William Wasson zitiert. Und in Teilen Lateinamerikas sind Änderungen dringend notwendig. „Viele Länder sind von Banden und Gewalt bestimmt“, verrät Heidrun Mürdter, Vorständin Kommunikation und internationale Programme. „Das hat Auswirkungen auf die Kinder. Sie sind nicht nur von Gewalt bedroht. Es fehlen zudem Aussichten für die Zukunft.“ In Haiti, wo die nph Kinderhilfe ebenfalls tätig ist, ist mehr als die Hälfte der Bandenmitglieder minderjährig, weil Kriminalität oft die einzige Möglichkeit ist, den Lebensunterhalt zu sichern. Alternativen – und Schutz – finden die Kinder in den Kinderdörfern. Hinzu kommen Präventivprogramme in den Gemeinden und Familienzentren.
Bildung spielt dabei erneut eine große Rolle, seien es Schulen, Nachhilfeunterricht oder auch die Vorbereitung auf handwerkliche Berufe. Empowerment lautet das Motto gerade bei Mädchen, da sie in einer von Machismo geprägten Gesellschaft oft keine Chance haben. „Viele beschränken sich darauf, möglichst früh einen Mann zu finden und Kinder zu kriegen. Bei uns lernen sie, dass sie selbstständig sein können“, erklärt Heidrun Mürdter den Anspruch von nph Kinderhilfe Lateinamerika. Zwangsläufig sind Erfolge hier erst nach Jahren zu sehen, Entwicklungszusammenarbeit setzt oft Geduld voraus. Aber sie sind zu sehen: Gerade erst ist beispielsweise eine Frau, die als erstes Mädchen aus einem abgelegenen Tal in Honduras dank eines Stipendiums studieren durfte, zurück im Familienzentrum und arbeitet dort als Psychologin – und ist nun ein Vorbild.

Raus aus der Armut
Auch bei NETZ Bangladesch sind Erfolge konkret zu sehen. Ziel ist es, mit Partnerorganisationen vor Ort denen zu helfen, die es am nötigsten haben. Und das bedeutet auch hier Hilfe zur Selbsthilfe: Die Menschen sollen das bekommen, was sie brauchen, um sich in Zukunft selbst zu versorgen. Mal geht es darum, Existenzen aufzubauen, wo es nur einen kleinen Anstoß braucht. „Kinder von Familien, die in extremer Armut leben, sind oft unterernährt. Sie können nicht zur Schule gehen“, beschreibt Dr. Max Stille, Geschäftsführer bei NETZ Bangladesch, die schwierige Lage. „Doch ich bin immer aufs Neue beeindruckt vom Willen besonders der Frauen, das zu ändern.“ Diesen Willen unterstützt NETZ in all seinen Projekten, bei der Ernährungssicherung wie beim Einsatz gegen die frühe Verheiratung von Mädchen.

Aber auch das Thema Klima spielt eine große Rolle, da Bangladesch zu den am stärksten betroffenen Ländern des Klimawandels gehört. Durch den steigenden Meeresspiegel droht ein Fünftel der Landesfläche dauerhaft überflutet zu werden, Extremwetter sind schon jetzt sehr präsent. Das bekommen gerade die Menschen zu spüren, die von der Landwirtschaft abhängig sind. Umso wichtiger ist es für NETZ Bangladesch, in Anpassungen und Katastrophenvorsorge zu investieren, um für die Zukunft gewappnet zu sein. „Wir haben im Bereich extreme Armut ein Modell, das wir seit Längerem immer weiter verbessern und gerade im Hinblick auf den Klimawandel immer wieder anpassen“, resümiert Max Stille den Einsatz für die Menschen. Wichtig ist, dass jede Unterstützung wirklich bei den Betroffenen ankommt und gemeinsam mit ihnen Lösungen gefunden werden.
Oliver Armknecht
Fotos: Tendai Marima/Welthungerhilfe, Reiner Meutsch Stiftung FLY & HELP, nph Kinderhilfe Lateinamerika, NETZ Bangladesch
Der Artikel erschien im Spendenmagazin 2025.