10 Jahre „Wir schaffen das!“ – und was nun?

Kaum ein Thema beschäftigt die Menschen mehr als die (illegale) Migration. Da treffen berechtigte Sorgen auf zynische Panikmache, reale Probleme auf vergessene Erfolgsgeschichten. Wir haben Organisationen, die in diesem Bereich tätig sind, nach ihren Erfahrungen befragt, welche Hilfe nötig ist und was besser laufen muss.

Als Angela Merkel 2015 ihren berühmten Satz sagte, konnte niemand wissen, wie sehr dies zu ihrem Vermächtnis werden würde – und wie sehr der Aufruf eine gespaltene Gesellschaft erkennen lässt. Für die einen beschreibt er Optimismus und Mitgefühl, für andere eine weltfremde Verantwortungslosigkeit, die zu Chaos und Ohnmacht geführt hat. Dabei ist das Migrationsthema sehr viel komplexer und vielschichtiger. Das zeigt schon ein Blick auf die absoluten Zahlen: Weltweit waren letztes Jahr rund 123 Millionen Menschen auf der Flucht. Und sie alle haben eine eigene Geschichte. Dabei ist das Phänomen natürlich nicht neu. So wurde das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, bereits 1950 gegründet. Damals ging es darum, Menschen zu helfen, die aufgrund des Zweiten Weltkriegs flüchten mussten und heimatlos geworden waren – gerade auch in Europa.

Täglicher Kampf ums Überleben
Seit 1980 gibt es in Deutschland die UNO-Flüchtlingshilfe, eine Partnerorganisation des UNHCR, die verschiedene Ziele verfolgt. Eines davon ist die Unterstützung ebendieser Menschen. Sie stehen meistens ohne Besitz da, sind zu Fuß unterwegs mit dem, was sie so tragen können. Viele fliehen innerhalb des Landes oder ins Nachbarland. Nur die wenigsten starten eine weite Flucht nach Europa oder in andere Industriestaaten. Das würden sie auch gar nicht schaffen. „Die Menschen haben oft nichts, haben nicht einmal Papiere. Sie sind staaten- und rechtelos. Wir unterstützen und schützen sie, damit sie überhaupt überleben können“, beschreibt Mark Ankerstein, Nationaler Direktor bei der UNO-Flüchtlingshilfe, die Situation.

Die humanitäre Hilfe in klassischen Krisengebieten wie dem Sudan und Syrien ist die Hauptsäule der Organisation, was vor allem die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten sowie Zugang zu sauberem Wasser bedeutet. Allein in den Flüchtlingscamps im Tschad an der Grenze zum Sudan harren Hunderttausende Menschen aus, weil sie nicht zurück in ihre Heimat können. Und dort fehlt es an allem, auch weil das UNHCR chronisch unterfinanziert ist. Das Flüchtlingswerk verfügt nur über ein Drittel der Summe, die es für eine Basisversorgung bräuchte. Die UNO-Flüchtlingshilfe sammelt zu dem Zweck in Deutschland Spendengelder ein.

Der Verein leistet aber auch in Deutschland Hilfe und unterstützt Organisationen, die sich hierzulande für Geflüchtete einsetzen. Da diese es oft schwer haben, sich zu finanzieren, sind sie ihrerseits auf Unterstützung angewiesen. Die dritte Säule ist Aufklärungsarbeit rund um das Thema Flucht, etwa über die Social-Media-Kanäle der Organisation: „Uns ist es wichtig, die Menschen mit Fakten und offiziellen Zahlen zu informieren, die aus seriösen Quellen stammen“, fasst Mark Ankerstein den eigenen Anspruch zusammen. „Denn das kommt in den aktuellen Debatten oft zu kurz.“

Zentrale Aufgabe des deutschen Vereins UNO-Flüchtlingshilfe: die Unterstützung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen.
Cap Anamur versorgt im Sudan Menschen in Not
mit Medizin und Nahrungsmitteln.

Lebensmittel dringend gesucht
Oft fehlt bei der öffentlichen Diskussion auch eine historische Dimension. So stimmt es zwar, dass die Zahl der Geflüchteten stetig zunimmt. Aber auch früher schon mussten Menschen in Not ihre Heimat verlassen. Das zeigt das Beispiel Cap Anamur. Die Hilfsorganisation wurde 1979 gegründet, um vietnamesischen Flüchtlingen im Südchinesischen Meer zu helfen. Tatsächlich ist sie nach dem gleichnamigen Frachtschiff benannt, das 1979 vom deutschen Hilfskomittee gechartert, zum Hospitalschiff umgebaut wurde und bis 1987 Geflüchtete auf den Meeren aufgenommen hat. Heute ist Cap Anamur Deutsche Notärzte e.V. in vielen Ländern aktiv, etwa in der Ukraine, wo viele aus den umkämpften Regionen weiter ins Landesinnere gereist sind. Ein anderes großes Projekt kümmert sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. Doch das gravierendste Problem ist im Moment der Sudan – auch weil international kaum darüber gesprochen wird und es keine funktionierende Regierung gibt. Seitdem der Krieg vor zwei Jahren wieder neu aufgeflammt ist, leben allein in den Nuba-Bergen eine Millionen Binnenflüchtlinge neben den zwei Millionen, die eigentlich dort ansässig sind.

„Das größte Problem ist dort die Versorgung mit Lebensmitteln. Allein in dem Krankenhaus, das wir seit fast 30 Jahren betreiben, haben wir bis zu 150 Kinder, die so unterernährt sind, dass ihr Leben in Gefahr ist“, fasst Bernd Göken zusammen, Geschäftsführer bei Cap Anamur. Auch hier macht sich das Ende der staatlichen amerikanischen Hilfsorganisation USAID bemerkbar, die selbst bereits zugesagte Nahrungsmittel nicht mehr liefert. Doch auch andere Länder haben ihre Nothilfe oder die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit gekürzt, obwohl der Bedarf immer größer wird. Und obwohl Cap Anamur von privaten Spenden getragen wird und diese aktuell stabil sind, stößt auch diese Organisation zunehmend an ihre Grenzen. Mit Sorge blickt Bernd Göken auf 2026: „Wir müssen zunehmend schwierige Entscheidungen treffen. Wo priorisieren wir jetzt? Sollen wir in das Krankenhaus investieren oder in die Versorgung mit Nahrungsmitteln?“

Der Blick in die Zukunft
Doch so wichtig die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medizin ohne Zweifel ist, gibt es bei der Betreuung von Geflüchteten auch andere Aspekte, die von Bedeutung sind. Beispiel Bildung. Die vor zehn Jahren gegründete Organisation Zeltschule will ihren Anteil daran leisten, dass Kinder auf der Flucht lernen können. Schließlich darf bei all der akuten Not die Zukunft nicht aus den Augen verloren werden. Los ging es seinerzeit mit dem Bau einer Schule in einem Flüchtlingscamp im Libanon. Den Unterricht übernahmen Lehrer und Lehrerinnen, die selbst fliehen mussten und sich freuten, wieder eine Aufgabe übernehmen zu dürfen. Seither ist das Engagement rapide gewachsen. „Mittlerweile haben wir im Libanon, in Syrien und in Afghanistan 77 Schulen und mehrere 10.000 Kinder im täglichen Unterricht“, lautet das Zwischenfazit von Jacqueline Flory, Gründerin und Vorsitzende von Zeltschule.

Zeltschule betreibt 77 Schulen in Flüchtlingscamps, um Kindern
Zugang zu Bildung zu geben.

Dabei war von Anfang an klar, dass auch um die Schule herum einiges angeboten bzw. berücksichtigt werden muss. Nahrungsmittel und frisches Wasser zum Beispiel: Viele Kinder erkrankten an Cholera. Auch Förderprogramme für Frauen und Erwachsenenbildung kamen mit der Zeit hinzu. „Im Austausch mit den Menschen vor Ort wurde uns bewusst, was es wirklich braucht, um ihnen zu helfen. Und so erweitern wir unser Angebot kontinuierlich, um der Situation gerecht zu werden“, erklärt Jacqueline Flory. Ihr Verein ist rein spendenfinanziert, um unabhängig und zielgerichtet die Gelder dort einzusetzen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Seit dem Kriegsende in Syrien wird etwa viel in die Rückführung investiert. Denn auch wenn viele in ihre Heimat zurückwollen, einfach ist das nicht: Die Häuser sind zerstört, die Infrastruktur ist weggebrochen und muss erst wiederaufgebaut werden. Zeltschule unterstützt bei dem Umzug der Camps und sorgt dafür, dass die Kinder weiter unterrichtet werden.

Einsatz für traumatisierte Kinder
Auch Terre des Hommes Deutschland kümmert sich speziell um das Wohl von Kindern. 1967 unter dem Eindruck des Vietnamkriegs gegründet, ist der Wirkungsbereich stetig gewachsen. Die Hilfsorganisation setzt sich weltweit für Kinder und deren Rechte ein. Das Thema Flucht hat für Terre des Hommes aber nach wie vor eine große Bedeutung – auch hier in Deutschland, wo sich der Verein geflüchteter Kinder annimmt. Viele von ihnen kommen mit ihren Familien, rund ein Fünftel sind aber unbegleitet und müssen sich ohne Eltern zurechtfinden. Die meisten kommen dabei mit viel psychischem Ballast an. „Sie haben in der Heimat oder auf der Flucht Gewalt erfahren oder wichtige Bezugspersonen verloren, wurden vielleicht unterwegs auch missbraucht und müssen diese Erfahrungen erst noch verarbeiten“, schildert Teresa Wilmes, Referentin bei Terre des Hommes Deutschland, die Situation. Und doch haben sie oft keinen Zugang zu einer dringend notwendigen psychologischen Betreuung, weil dies hierzulande häufig nicht gezahlt wird.

Terre des Hommes hilft geflüchteten Kindern, Traumata zu verarbeiten, etwa durch eine Kunsttherapie.

Terre des Hommes versucht, diese Lücken zu füllen, die sich in der Versorgung ergeben. Eine Möglichkeit sind Kunsttherapie-Projekte, die den Kindern helfen sollen, mit ihren Erinnerungen und der Trauer umzugehen. Denn nur wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, die Vergangenheit zu verarbeiten, entwickeln sie die notwendige emotionale Stabilität, um in Zukunft selbstbestimmt leben zu können. „Wir haben in den letzten Jahren festgestellt, dass das Thema Trauer für Kinder ganz essenziell ist, aber auch der Abschied von Menschen und Orten. Erinnerungsrituale sind dabei ein ganz wichtiger Baustein“, so das Resümee von Teresa Wilmes. „Die Kunsttherapie ermöglicht Kindern und Jugendlichen, sich auch ohne Sprache auszudrücken.“ Neben dieser Form von Betreuung bietet Terre des Hommes weitere Möglichkeiten an, von Ausbildungen junger Frauen über Eltern- und Familienarbeit bis hin zu Rechtsberatung.

Hilfe in allen Lebenslagen
Das Thema Beratung spielt auch bei der Caritas eine große Rolle. Während der Deutsche Caritasverband für die sozialpolitische Positionierung auf Bundesebene zuständig ist, arbeiten die Diözesan-Caritasverbände oder Ortsverbände in ihren Einrichtungen konkret mit Betroffenen. Dazu gehören auch Beratungsstellen zu Migration. Dabei ist der Begriff weiter gefasst. Auch Menschen, die innerhalb der EU umziehen und eine Perspektive auf ein Bleiberecht haben, finden dort eine A Anlaufstelle. „Migration ist ein großes und sehr komplexes Feld, worunter sehr unterschiedliche Menschen und Zielgruppen fallen“, erklärt Benjamin Maierhofer, Referent für Migration beim Caritasverband der Erzdiözese München und Freising. Entsprechend breit ist auch das Tätigkeitsfeld, es reicht von Beratung bei Arbeitsthemen über schulische Unterstützung bis zur psychologischen Betreuung. Je nach Bedarf unterstützt die Caritas selbst oder vermittelt an weiterführende Angebote.

Geflüchtete finden in Deutschland bei den Caritasverbänden erste Anlaufstellen, wenn sie Rat oder Hilfe brauchen.

Dabei ist die Situation oft sehr individuell. So kann es bei anerkannten Geflüchteten vorkommen, dass sie seit Jahren hier leben, Arbeit und Familie haben und längst heimisch sind, aber noch immer in Flüchtlingsunterkünften wohnen, weil sie keine eigene Bleibe finden. Das Thema Integration ist dabei wichtiger geworden: Die Zahl der Asylanträge sinkt seit Herbst 2024, jetzt geht es um die Frage, wie den Menschen geholfen werden kann, die hier sind. „Das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Integrationsprozesse verlaufen nicht einfach automatisch. Wir müssen deshalb bereit sein, in diese Arbeit zu investieren“, gibt Benjamin Maierhofer zu bedenken. „Aktuell werden Gelder gestrichen oder reduziert, was Auswirkungen auf die Integration haben wird – und damit auch den sozialen Frieden gefährden kann.“ Mit den nötigen Ressourcen ist das zu schaffen, auch wenn vieles in den letzten zehn Jahren versäumt wurde. Es braucht jedoch den Willen und die Weitsicht, das T Thema anzugehen.

Oliver Armknecht

Fotos: UNO-Flüchtlingshilfe/Ssozi Mukasa Daniel, Cap Anamur, Zeltschule, Terre des Hommes Deutschland, Caritasverband der Erzdiözese München und Freising
Der Artikel erschien im Spendenmagazin 2025.

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